„virtuell“, „real“, „authentisch“ ? Katholische Kirche unterwegs in die digitale Mediengesellschaft

Dass sie den Trend in eine digitale Online-Zukunft verschläft, lässt sich der katholischen Kirche nicht nachsagen: Feiert sie doch seit dem II. Vatikanischen Konzil nicht nur jährlich einen „Mediensonntag“. Und gerade der deutsche „Senior-Papst“ Benedikt XVI. hat spätestens seit 2008 in der dafür jeweils erstellten vatikanischen „Botschaft zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel“,  die rasant wachsende gesellschaftliche Bedeutung des Internet gewürdigt und auch theologisch bedacht. Dabei überrascht sicher noch nicht, dass der Oberhirte in weltweiter Netz-Kommunikation Chancen für die Verbreitung der frohen Botschaft sieht und sich offenkundig unbefangen per Tweets vom Tablet zuletzt präsent zeigte. Interessant wird es da, wo sich die Kirche als traditionelle Sachwalterin von menschlichen Werten,  medienethisch in den Prozess der Weiterentwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologie einbringen will.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat dabei 2011 durch ihre publizistische Kommission mit einem medienethischen Impulspapier,  einen wichtigen Meilenstein gesetzt (mehr als drei Jahre vorbereitet durch eine hochrangig besetzte Arbeitsgruppe von Medienexperten): Schon im Titel Virtualität und Inszenierung. Unterwegs in der digitalen Mediengesellschaft markiert es die Richtung, in der die katholische Kirche Antworten sucht. Authentizität ist dabei der zentrale Wert, der in „drei ethischen Leitidee[n]“ entfaltet wird: „die moralische Qualität menschlicher Kommunikation, die Ethik der Bildästhetik und die Reflexion auf die Sittlichkeit von Öffentlichkeit und Demokratie“ (S.36).

Verständliches Hauptanliegen (und damit Ziel und Maßstab),  bleibt der Vorrang menschlicher Identität als Person und ihre Entfaltung in der Gemeinschaft. Schon da fällt aber eine wichtige Vorentscheidung:  “Die Unterscheidung von Virtualität und Realität ist grundlegend, wenn es um die Bestimmung menschlicher Identität geht” (S.28) – hier liegt offensichtlich eine ganz bestimmte Vorstellung von Realität zugrunde, die dann zum entscheidenden Kriterium für den Leitbegriff der “Authentizität” wird. Diese „Realität“ wird theologisch zunächst an “Schöpfung” zurückgebunden: “Nicht das von Menschen gemachte, sondern das von anderswoher und unverfügbar Gegebene…als Gegenbewegung zu virtuellen und inszenierten Welten.” (S.27) Die “Wahrheit” medialer Phänomene wird nun hauptsächlich daran gemessen, ob sie “mit der Wirklichkeit überein [stimmen]” (S.31), „Realität erschließen und sich auf sie beziehen” (S.32). “Echt” oder “nur Schein” ist dann die Frage, die beispielsweise an digital bearbeitete Bilder zu richten ist (S.21). Das mag angesichts digitaler Entwicklungen gut journalistische Verantwortung in herkömmlich massenmedial aufgestellter Medienkultur ansprechen, kann aber mit Blick auf Möglichkeiten und Eigenart der Mediennutzung jugendlicher „digital natives“ nicht mehr ausreichen. Mediale Phänomene virtueller Realität (!), die Jugendliche zum Beispiel kreieren und die ihnen wichtig sind, sollten nicht gleich als “Schein”, “Fluchtwelten”, “Täuschung”, “falsche Verheißung” (S.15.21.84 u.ö.) abgewertet werden. Diese einfach zu deutlich digitalimmigrante Erwachsenenperspektive, die meint sagen zu können, was echt oder unecht, wahr oder falsch ist, weil sie glaubt zu wissen, was Realität ist, macht es der Kirche schwer, gesprächsfähig zu bleiben.

Dabei trägt das Impulspapier durchaus, wenn auch nicht so deutlich, Spuren des Verständnisses für eine Wirklichkeit, der den derzeitigen fundamentalen kulturell-gesellschaftlichen Wandel besser aufzunehmen verspricht: Medien können zur “Erzeugung von Wirklichkeiten” (S.22, vgl. S. 78f.) beitragen, und die “eventuell unzureichende Prämisse…der repräsentativen Funktion von Bildern” zugunsten ihrer “performativen” wird eingeräumt (S.32 Anm.19) – sodass “Virtuelles zu echten Erlebnissen, Emotionen und Erfahrungen” führen kann: man kann “den sogenannten Sekundärerfahrungen nicht ohne Weiteres ihre Bedeutsamkeit abstreiten”. (S.32f.)

Damit lässt sich der Herausforderung eines radikalen Konstruktivismus besser begegnen, die bei konsequenter Betrachtung der Veränderung durch Medien ins Auge fällt. Die Bindung an einen Realitätsbegriff, der Wahrheit nur als Übereinstimmung mit einer vorgegebenen Realität kennt (vielleicht liegt hier das Wahrheitsverständnis des Thomas von Aquin zugrunde: „adaequatio intellectus ad rem“), schränkt doch zu sehr ein. Auch kann theologisch Schöpfung nicht die einzige Bezugsgröße sein. Wir Christen glauben doch auch an Gott, den heiligen Geist, kennen die alles verändernde Kraft von Wundern und wissen von der Wirklichkeit von Pfingsten. Weiterführende theologische Ansatzpunkte sind im Impulspapier durchaus auch genannt, sind aber nicht so ausgebaut: Zum Beispiel, wenn von “Gemeinschaft” als dem Ergebnis der medienvermittelten Kommunikation die Rede ist – Kommunikation wird hier geradezu als “Substanz des Lebens” angesehen: ein deutlich anderer Begriff von dem, was aus der Sicht des Glaubens die Realität prägt (auf S. 24 aus einer früheren Verlautbarung zitiert). Oder wenn Christus als “Meister der Kommunikation” (schon 1971 nach der Pastoralinstruktion Communio et progressio) der Maßstab ist – also seine Realität als menschgewordene Liebe Gottes.

Es gilt sicher nicht nur für alle, die digital und online unterwegs sind (ob Jugendliche oder Erwachsene), dass wir derzeit noch nur wie “durch einen Spiegel ein dunkles Bild” (1.Kor 13,12) der uns zugesagten Realität Christi sehen, in der “noch nicht offenbar ist, was wir sein werden” (1.Joh 3,2). Etwas vom “Geheimnis der Wirklichkeit” kennt auch das Impulspapier (wenn es das auch nur mit der an sich anerkennenswerten Forderung nach visueller Diskretion / Beschränktheit zusammenbringt, S.41f.).

Jugendliche möchten mittels Mediennutzung ihre Identität erst finden. Wirklich ist dabei, was wirkt! Dabei hilft ihnen mehr, wenn wir mit ihnen gemeinsam in Feldern medialer Kommunikation erfahren, was “lebensdienlich” (S.36) ist, wie “gut” und „gerecht” wirken geht (statt “bloßstellen und erniedrigen”).

Solche Wirksamkeit der Liebe Christi ist die Realität, die die Kirche den Menschen auch für ihr Leben „online“ bezeugen kann. Deshalb sind moralische Zuschreibungen wie  “verantwortlich für die Beziehungen”(S.37) sein, “Leben gelingen lassen” (S.38) im Zusammenhang von medialer Kommunikation und Selbstrepräsentation auch wesentlich besser geeignet als die an der Übereinstimmung mit “der Realität” orientierte “Wahrhaftigkeit”, “Aufrichtigkeit”, “Redlichkeit” (S.38). Entspricht der christlichen Botschaft der Liebe nicht sowieso das Verlangen danach, “glaubwürdig” (S.84) zu sein viel besser als der Begriff der “Authentizität”? Letztere zielt doch mehr auf eine Echtheit, die Menschen auf eine Übereinstimmung mit der (welcher?) Wirklichkeit festlegt.

Die vielen wichtigen Beobachtungen und Forderungen dieses mit über 80 Seiten gewichtigen und einschlägigen „Werkstattbericht[es]“ (so nennt es der Vorsitzende der Publizistischen Kommission, der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart Gebhard Fürst ) bleiben verdienstvoll und wollten zur Diskussion anregen.

Auch wenn in den päpstlichen Botschaften zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel seit 2011 bis hin zu Franziskus I. „authentisch“ ein Schlüsselwort zur Orientierung über social media geblieben ist – im Rückblick zeichnet sich ein erfreulicher Wandel ab, der ein Dazulernen über die Realität des Virtuellen erkennen lässt. Der neue Papst hat für 2014 die Orientierung am „Nächsten“ wieder aufgegriffen und legt (seinem Profil entsprechend) auch in medialer Kommunikation Wert auf die Überwindung von „Ausgrenzung und Armut“.

Autor: Michael Beisel